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Kolumnen zu medizinischen Themen

Musik bringt Ordnung ins Ohr
Autor: Dr. med. Michael Strahl

Melodien und Harmonien sind auch ein Tor zur Seele

Der Volksmund sagt „Mit Musik geht alles besser.“ – und hat wie in fast allen weisen Redensarten der Großeltern Recht. Seit Jahren beobachten wir bei Kindern eine Zunahme von zentralen Hör- und Wahrnehmungsstörungen, die in einem direkten Zusammenhang zu dem ausfallenden Musikunterricht in Kindergärten, Grundschulen und in den weiterführenden Schulen steht.

Es ist deutlich zu sehen, dass Kinder mit solchen zentralen Wahrnehmungs- und Hörproblemen ein gestörtes Richtungsgehör haben und sich in einem geräuschvollen Raum wesentlich schlechter zurechtfinden können als normal hörende Kinder. Neben allen medizinischen und logopädischen Maßnahmen hat sich hier die Empfehlung des zusätzlichen Musikunterrichtes mit Instrumenten sowie durch Gesangsausbildung als eine deutlich unterstützende und in der Ausbildung verbessernde Maßnahme herausgestellt.

Mit Musik wird also die Konzentration besser und das Ordnungsgehör wird besser trainiert. In der Tinnitusbehandlung hat sich die Musiktherapie inzwischen einen festen Platz erobert. Bei den kleinen Kindern achten wir jedoch viel zu wenig auf eine frühe Musikerziehung, um allgemein eine Konzentrationsverbesserung zu erreichen. Neurowissenschaftler haben die Hintergründe für diese Verbesserungseffekte erklären können.

Bei autistischen Kindern finden wir das Tor zur Seele über die Musik. Bei Komapatienten benutzen wir die Musik, um an emotionale Zentren heranzukommen. Da wir nichts ohne Gefühle hören, hilft die Musik, die emotionalen Zentren zu öffnen und somit die Beliebigkeit des Gehörten in eine Herzenssache umzuwandeln.

Musik ist Trumpf in jeder Phase der Erziehung, jedoch kann man sagen: Je früher mit Kindern eine frühkindliche Musikerziehung begonnen wird, desto besser sind die Erfolge und desto trainierter kann unser Gehirn im Sinne einer Bahnung der Nerven reagieren.

Schon nach 20 Minuten Klavierspielen entstehen neue Nervenverbindungen, die durch Training von jeweils 2 Stunden pro Tag erhalten und stabilisiert werden können. Eine Studie an der Harvard Medical School zeigt, dass Kinder mit zusätzlichem Klavier- oder Geigenunterricht eine stärkere Zunahme der grauen Substanz haben als Kinder aus der Kontrollgruppe ohne Musikunterricht.

Eine Frankfurter Langzeitstudie über sechs Jahre zeigt, dass eine Stunde zusätzlicher Musikunterricht eine deutliche Steigerung der abstrakten Denkfähigkeit und einen höheren IQ bei den getesteten Schülern ergab. Musiker haben zudem eine bessere räumliche Vorstellungskraft und ein besseres Mathematikverständnis sowie eine gewandtere und flexiblere Sprache. Denken fiel leichter bei Mozarts Sonate KV 448, hat eine amerikanische Studie belegt. Das passt ins Mozart-Jahr und könnte eine Antriebsfeder für die Förderung des Musikunterrichts in deutschen Vorschulen, Kindergärten und Schulen sein.

Umgekehrt stellen wir in der Praxis eine deutliche Zunahme von zentralen Hörproblemen bei Kindern in Schulen und Kindergärten fest, wo der Musikunterricht seit Jahren ausfällt.

Dr. Hans Michael Strahl

Doktors Kolumne in der Rheinischen Post, 31. März 2006

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung durch den Autor

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